Sie sind hier: Programme / Wir sind wieder wer

Wir sind wieder wer

  • Titel des Programmheftes
  • Ernst-Bloch-Chor 1990

von bundesdeutschen Träumen und Wirklichkeiten

Konzertprogramm 1990-1991

Als am 9. November 1989 die Mauer zwischen Ost und West-Berlin brüchig zu werden begann und sich Ossis und Wessis freudetrunken in den Armen lagen, brodelte das Herzblut unserer Landsleute wieder einmal großdeutsch. Mit Tränen in den Augen stammelten sie zuerst etwas von Heimat, um schließlich im Chor "Deutschland einig Vaterland" zu brüllen.

Anstatt den Kopf zu gebrauchen und auf politische Phantasie zu setzen, wird mit dem Bauch gedacht. Wurde nicht schon einmal, 1949, die Chance eines grundsätzlichen Neuanfangs in "West-Deutschland" verpaßt? Auch 40 Jahre später fällt den meisten hierzulande für die DDR nur der Weg in den Schoß der Deutschen Bank ein.

Der nationale Taumel macht aus so manchem Kritiker der hiesigen Verhältnisse einen patriotischen Hanswurst. Am 9. November '89 hielt es selbst die meisten Grünen nicht mehr auf den Parlamentarierbänken und auch einige von ihnen gröhlten "Das Lied der Deutschen". Schon kann niemand mehr so leicht abschalten wie bei jener Hymne, die allnächtlich in Radio und Fernsehen zum Programmschluß erschallt.

Nach 1945 sah es wenigstens für einen kurzen historischen Augenblick so aus, als wollten die Westdeutschen aus zwei angezettelten Weltkriegen lernen. Selbst im Ahlener Programm der CDU war von einer Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und Banken die Rede. Deren großzügige "Spenden" - so die Erkenntnis der Konservativen damals - hatten Hitlers Feldzug gegen den Bolschewismus und die Juden erst möglich gemacht. Ebenso wie all die Nazi-Richter und -Beamte, fielen die deutschen Industriellen nach Kriegsende jedoch erstaunlich schnell wieder auf die Füße. Der antikapitalistische Ausrutscher der Adenauer-Partei wurde klammheimlich korrigiert. Die Opfer des Faschismus - Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Anarchisten, Homosexuelle, Behinderte und Zwangsarbeiter - warten
zum Teil noch immer auf eine Entschädigung.

Schon 1956 wanderten Kommunisten im angeblich freiheitlichsten Staat auf deutschem Boden erneut ins Gefängnis. Von 1972 an erhielten Tausende Berufsverbot, weil sie Kommunistinnen waren. Die Erfinder dieser bundesdeutschen Gesinnungsschnüffelei, die Radikalenjäger um Friedenskanzler Brandt, um Marinerichter Filbinger, haben sich bis heute nicht bei ihren Opfern entschuldigt. Vergessen, verdrängt, Geschichte. Ebensowenig wie bei all den "Ratten und Schmeißfliegen", die im "Deutschen Herbst '77" als RAF-Sympathisanten denunziert wurden.

Und heute? Als die rebellierenden DDR-Bürgerinnen "Wir sind ein Volk" riefen und die SED-Stalinisten sich dem Druck der Straße beugen mußten, applaudierten sie alle: die Schmidts und Schönhubers, Frau Müller und Herr Maier. Dieselben, die nach Polizei, Gefängnis und schon mal nach Arbeitslager schreien, wenn Bundesbürgerinnen ihr Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit wahrnehmen. Dieselben, die Augen und Ohren verschließen, wenn die USA in Vietnam, Grenada, Nicaragua oder Panama für "freedom" sorgt, wenn in Südafrika Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

über der täglich-akribischen Ost-Gucke wird zunehmend auch die bundesrepublikanische Wirklichkeit übersehen. Nach 40 Jahren freier und parlamentarischer Marktwirtschaft wäre es jedoch Zeit, kritische Bilanz zu ziehen. Was ist mit den Opfern der High-Tech-Society, den über zwei Millionen Arbeitslosen, den sechs Millionen, die unter dem Existenzminimum leben? Neofaschismus, neue Rechte - verdrängt, vergessen? Was ist mit dem Rüstungsriesen Daimler-Benz, dem Tiefflieger- und Manöverterror? Wer kontrolliert die Organe des "Sicherheitsstaates", wem nützt die "wehrhafte Demokratie"? Was ist mit den nur ihrem Gewissen verantwortlichen und außerdem dem Flick-Konzern verpflichteten "Volksvertretern" Marke Lambsdorff? Was ist mit der gärenden Fremdenfeindlichkeit? Was ist schließlich aus dem Kampf der Frauen um wirkliche Gleichberechtigung geworden? Was heißt Selbstbestimmung z.B. angesichts der Hexenprozesse von Memmingen?

Bevor uns Mauerparties und gesamtdeutsche Gefühlsduselei völlig das Hirn vernebeln, bietet der Ernst-Bloch-Chor an: eineinhalb Stunden Nachdenkliches zu rund 40 Jahren BRD. Zeit auch zum Lächeln, Lachen, Schmunzeln. Was noch? Zwischen Träumen, Wirklichkeit, Vergessen und Verdrängen sei an Wolf Biermanns trotzige Ballade erinnert: "Das kann doch nicht alles gewesen sein!" Denn "das äußerst Mögliche ist nur vorstellbar durch das Greifen nach dem Unmöglichen (...) Das objektiv Unmögliche wollen, bedeutet nicht sinnlose Phantasterei und Verblendung, sondern praktische Politik im tiefsten Sinne." (Karl Liebknecht)

Programm

Sangesgruß - Volksgut/A. Astel, Satz: H. Fladt
Wacht auf - G. Eich/A. Tübinger

Wer sind wir? Woher kommen wir?

Trizonesien-Song - K. Berbuer, Satz: A. Tübinger
Beispiele zur deutschen Grammatik - R.O. Wiemer/ A. Tübinger
Morgen, Morgen - P. Mösser, Satz: A. Tübinger
Wer sind wir - wir sind wieder wer - Idee: A. Tübinger
Opens internal link in current windowImmer mehr Land - W. Spielvogel/W. Brannasky, Bearb.: Keller/Scheyhing
Supermarkt-Song - Schmetterlinge, Satz: A. Tübinger
Von nichts kommt nichts - J. Rohwer, Idee: A. Tübinger

Wer ist wir?

Deutsche Frauen - A.H. Hoffmann von Fallersleben/J. Haydn
Blumen-Kohl - H. Kohl/N. Blüm, Rhythm.: S. Jüdes
Männer - H. Grönemeyer, Idee: Black Fööss
Grundrechte II - Idee: A. Tübinger

Wir sind so frei

Grundrechte I - Idee: A. Tübinger
Grundrechte III - Idee: A. Tübinger
Opens internal link in current windowSchützen wir die Polizei - G. Kreisler
Guter Mond - Schmetterlinge, Satz: A. Keller
Vaterland - K. Wecker
Sieg der kämpferischen Demokratie oder kulturelle Kontinuität - E. Fried/A. Tübinger
Lied außen vor der Mauer - W. Moßmann, Satz: A. Tübinger
Lied von der Demokratie - B. Karger/A. Tübinger
Wir wollen mehr Demokratie - Schmetterlinge

Wohin gehen wir?

Night Club - A. Piazzolla
Opens internal link in current windowDie Ballade vom Wasserrad - B. Brecht/ H. Eisler, Satz: H. Fladt
Opens internal link in current windowLied von der Erde - J. Soyfer/Burda, Satz: A. Keller