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Gegen jede Hoffnung

Text: Gioconda Belli. Musik: Anne Tübinger
aus dem Programm: Im Prinzip Hoffnung

Text

In diesen Tagen in denen die Welt, die Entropie fürchtend, sich zusammenkrümmt,
wird es immer mühseliger optimistische Parolen auszugeben.

Keine Tatsachen sprechen für die Hoffnung auf Winde,
die uns zu unbekannten Kontinenten, strahlend in üppigem Grün, davontrügen,
oder auf triftige Worte, die uns wechselseitig begangenes Unrecht erklärten.
Im Gegenteil: die Zeit häuft Beweise gegen ein mögliches Gleichgewicht.

Hunderte von Wesen verenden während andere unbewegt ihren Todeskampf beobachten:
- Zuschauer in weichen Sesseln, drücken auf Knöpfe.
Eine Gesellschaft von Voyeuren preist ihren Überfluss.
- Die kleinen Jungen im Einkaufszentrum
schießen und sammeln Punkte beim Ausmerzen imaginärer Feinde.
Mit ausgefeilter Technik werden in Kinos
auf zahllosen Leinwänden Massaker wiederholt.

Inmitten allgemeiner Gier
begegnen Männer und Frauen der Gewissheit ihres unvermeidlichen Todes.
Mit der Abkehr vom gemeinsamen Geschick
und klammern sich an ein winziges, flüchtiges Glück.
Es regnet kleine Männer mit Regenschirmen, wie auf den Bildern von Magritte.
Jeder schützt sich wie er kann vor der sengenden Sonne.
Jeder bildet sich ein, er werde überleben und es sei überflüssig, laut zu träumen.

Dichtend in meiner Einsamkeit, Zeugin dieser widerwärtigen Welt,
schleppe ich mich mit schweren Flügeln zum Gipfel, von dort stoße ich mich ab
wie Ikarus, ein ums andere Mal, weil vielleicht, weil womöglich,
weil ich nicht aufgebe.